Vergessen Sie die Hausbanken!

Round Table Finanzierung

Expertentipps | 10.06.2009

Bekommen mittelständische Unternehmen kaum noch Kredite von den Banken oder ist es eher eine „gefühlte“ Kreditklemme? B4B MITTELSTAND versuchte diese Frage am runden Tisch mit Banken und Unternehmern zu klären – mit überraschenden Erkenntnissen.

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Es sind widersprüchliche Aussagen, die derzeit über die Kreditvergabe an Unternehmen in Deutschland kursieren. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ist sich sicher, dass die Firmen kaum noch Kredite von den Banken bekommen. Stimmt nicht, sagt die Politik. In Deutschland gebe es keine flächendeckende Kreditklemme, betonte unlängst Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Die Deutsche Bundesbank sieht ebenfalls keine Anzeichen dafür. Gleichzeitig kämpft die Europäische Zentralbank (EZB) mit allen Mitteln gegen eine drohende Kreditklemme, indem sie die Zinsen Richtung Null-Prozent-Linie drückt.
Bekommen mittelständische Unternehmen nun genug Geld von den Banken oder nicht? Dieser Frage wollte B4B MITTELSTAND auf den Grund gehen und lud Vertreter von Banken, Vermögensverwalter und die Geschäftsführer einiger mittelständischer Unternehmen zu einem Roundtable- Gespräch.

Die gute Nachricht vorweg: Zumindest die anwesenden Unternehmen konnten nicht berichten, dass ihnen Kredite von den Banken verweigert wurden. Auch auf Bankenseite herrschte Einigkeit. „Die Wirtschaftskrise hat auf die Kreditvergabe noch nicht durchgeschlagen“, sagte Gösta Jamin, Bereichsleiter Geschäftskunden und Freie Berufe der HypoVereinsbank in München. Vielmehr sei es eine Frage der Wahrnehmung. In jeder Flaute gehe die Nachfrage nach Krediten zurück. „Von Kreditklemme kann keine Rede sein“, stimmte Walter Eschle, Vorstandsmitglied Stadtsparkasse Augsburg, in den Kanon ein.
Das blieb nicht ohne Widerspruch. Günter Schwab, Kreisgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW), glaubt, dass die Unternehmen gerne investieren würden, „Doch das Geld dafür wird ihnen vor allem von den großen Geschäftsbanken nicht gegeben“.

Große Probleme für große Firmen

Spurlos vorübergegangen ist die Krise auch an kleineren Firmen nicht. Andres Santiago, Geschäftsführer des gastgebenden vmm wirtschaftsverlages gmbh & co. kg bemerkt eine deutliche Zurückhaltung der Kunden bei der Anzeigenbuchung. Klaus Müller von der Augsburger Eventagentur eest! stellte fest, dass viele seiner Kunden Veranstaltungen abgesagt oder verkleinert haben. „Da wir diese Veranstaltungen vorfinanzieren müssen, stellen wir uns natürlich die Frage, ob wir im Fall der Fälle das Geld von der Bank bekommen“, so Müller.
Auch für Ingrid Kessler von der Bobinger Firma Kessler Druck ist die Krise durchaus real. Das familiengeführte Unternehmen mit 230 Mitarbeitern merke die Krise allerdings weniger am gesunkenen Umsatz als am Gewinn. Während der Umsatz sogar leicht über dem Vorjahr liege, gehe der Ertrag zurück, weil die Kunden viel mehr über den Preis diskutieren würden.
So war man schnell einig: „Große Unternehmen, große Probleme – kleine Unternehmen, kleine Probleme“, lautet die Formel.

Liquidität ist das Kernproblem

Deutlich wurde aber auch, dass die Kredite nicht das Hauptproblem sind. „Das Thema ist die Liquidität“, betonte Michael Bücker, für Bayern verantwortlicher Gebietsfilialleiter für den Mittelstand bei der Commerzbank in München. Und auch Dr. Robin Bartels, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Deutschen Bank in München war der Meinung: „Liquidität sollte die höchste Priorität haben“. Fehlendes Liquiditätsmanagement ist eine der Hauptursachen, dass kleine und mittelständische Betriebe Pleite gehen. Trotzdem ignorieren viele Firmen dieses Thema. Das beobachtet auch Hans-Jürgen Fröchtenicht, Vorstandssprecher der Raiffeisenbank Bobingen eG. Seiner Erfahrung nach würden viele Unternehmer wichtige Kennzahlen für die Beurteilung der Liquidität wie Debitorenziel (durchschnittliches Zahlungsziel der Kunden) oder Kreditorenziel (Zahlungsverhalten des eigenen Unternehmens) gar nicht kennen. „Viele Firmen wissen nicht einmal, mit welchen Zahlungszielen sie arbeiten“, beklagt Fröchtenicht. Dabei sollte das Liquiditätsmanagement nicht erst anfangen, wenn der Bankmitarbeiter anruft, weil das Konto überzogen ist. „Besser ist es, wenn der Unternehmer zum Banker geht und ihn darauf hinweist, dass da eine Lücke entstehen kann“, betonte Fröchtenicht.

Auch die übrigen Bankvertreter forderten von den Mittelständlern mehr Offenheit ein. „Natürlich interessieren mich die Bilanzen der letzten drei Jahre“, sagte Bücker. Interessanter sei jedoch der gemeinsame Blick in die Zukunft. Diese dürfe auch schlechte Aussichten nicht verschweigen. „Wenn ein Unternehmer frühzeitig eine Planung vorlegt, bei der er mit 40 Prozent weniger Umsatz rechnet, dann interessiert uns natürlich, wie er die Kosten in den Griff bekommen will“, ergänzt Dr. Bartels. Mit diese Planung könne der Bankmitarbeiter dann in die Kreditabteilung gehen und bei einem überzeugenden Konzept für eine Kreditvergabe werben.
Kopfschütteln auf Seiten der Mittelständler. Diese Vorstellung von Offenheit sei vollkommen praxisfern. „Normalerweise muss man der Bank eine Planung vorlegen, die etwas besser ist als das Vorjahr. Jetzt möchte ich mal sehen, was eine Bank macht, wenn wir eine Planung vorlegen, die von 40 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr ausgeht“, sagte Druckerei- Inhaberin Kessler. Wenn jemand mit so einer Planung ankäme, gebe es gar kein Geld. Dem wollten die Banken nicht widersprechen. Wie auch. Sämtliche deutsche Geschäftsbanken verweigern derzeit bei der Vorstellung ihrer Bilanzen sogar den Ausblick auf die nächsten Monate – mit Verweis auf die unsichere Lage. So sieht es auch Agentur- Inhaber Müller: „Einen langfristigen Businessplan aufzustellen ist heute kaum möglich“. Dennoch, so Dr. Robin Bartels, sei eines wichtig: „Je schwieriger es wird, desto wichtiger ist es, frühzeitig miteinander zu reden“.

Banken müssen Vertrauen haben

Im Gegenzug forderte Franz Brunnhuber, Besitzer von zwei Autohäusern in Augsburg, von den Banken mehr Vertrauen ein. „Wir brauchen das Vertrauen der Banken, dass wir das Geschäft beherrschen“. Schließlich würden die Unternehmer ihr eigenes Geld in die Firma stecken. „Und wir haben eine soziale Verantwortung unseren Mitarbeitern gegenüber“. Diese fordert er von den Banken auch ein. Die sollten sich nicht nur hinter den Vorschriften verstecken. Auch Agentur-Chef Müller warf den Banken vor, das Risiko immer weiter zu reduzieren und auf die Unternehmen abzuwälzen. Sparkassen-Chef Dr. Walter Eschle warb für Verständnis: „Die Handlungsfreiheit der Banken ist auf der Vergabeseite durch die Bonitäts- und Eigenkapitalbestimmungen eingeschränkt“. Machbare Investitionen würden aber nach wie vor finanziert, versichert er.
Brunnhuber wollte das nicht gelten lassen. „Basel II ist von den Banken so ausgelegt worden, wie sie es brauchen“. Der schwarze Peter werde an den Mittelstand weitergegeben. „Die Krise, die wir nicht verursacht haben, wird dem Mittelstand negativ angelastet“, so Brunnhuber. So würden manche Banken für Kredite mehr Sicherheiten fordern, als eigentlich notwendig wäre. Deutsche Bank-Vertreter Dr. Bartels musste zugeben: „Wir sehen zu,, dass wir das Risiko reduzieren“. Das geschehe entweder über mehr Sicherheiten oder durch die Risikofreistellung der Kfw-Förderbank. Diese beträgt bis zu 90 Prozent des Kreditbetrages und ist daher für die Banken interessant. Damit trat er auch Befürchtungen entgegen, die Banken würden die Förderkredite nur zögerlich an die Kunden weitergeben.
Doch gerade hier hapert es, wie Kessler zu berichten wusste. Ihre Firma hatte vor dem Ausbruch der Krise neue Maschinen für eine Erweiterung des Geschäftes bestellt. Diese würden nun bald geliefert. Doch jetzt gibt es Probleme mit den Krediten. Nicht mit der Hausbank, sondern mit der staatlichen KfW-Förderbank. „Im Januar haben wir den Antrag gestellt. Seitdem warten wir auf die Bewilligung“. Dabei geht es immerhin um einen niedrigen Millionenbetrag. „Diese Summen müssen wir vorfinanzieren. Im Mittelstand kann ich mir nicht ein viertel oder ein halbes Jahr bis zur Entscheidung Zeit lassen. Das geht an die Nerven“, beklagt Kessler. Ihre Geschäftsbank, über die sie die Kredite beantragt hat, sei in dieser Zeit keine große Hilfe.
Commerzbank-Manager Bücker nahm die staatliche Bank in Schutz: „Die KfW ist wohl von dem Andrang überrascht worden“. Fragt sich, wie lange es dauern wird, wenn die Förderbank tatsächlich von Anträgen überschwemmt wird. Derzeit sind bei der KfW noch nicht einmal 900 Anträge für die Mittel aus den Sonderprogrammen eingegangen. Auch Deutsche-Bank-Mann Dr. Bartles beobachtet, dass bei der Bearbeitung noch nicht alles rund läuft. „Da können noch ein paar Monate vergehen“, vertröstet er die Firmen. Monate, die viele Unternehmen nicht haben.

Gesucht: Banker mit Entscheidungskompetenz

In der Diskussion wurde deutlich, dass viele Banken immer noch nicht verstehen, was ihre mittelständische Kundschaft von ihnen erwartet. „Früher hat man sich bei seiner Bank als Kunde besser aufgehoben gefühlt. Heute spielt nur noch das Rating eine Rolle“, warf Kessler den Banken mangelnde Kundennähe vor. Dabei geht es noch nicht einmal um die günstigsten Konditionen. Ein Hauptproblem ist die Kommunikation zwischen Bank und Unternehmer. So wünschen sich die Mittelständler mehr Entscheidungskompetenz bei ihren Ansprechpartnern in der Bank.
Offensichtlich haben die Unternehmen bei vielen Banken den Eindruck, dass nur noch automatische Bewertungsmodelle darüber entscheiden, ob sich der Kreditdaumen senkt oder hebt. „Der Firmenkundenbetreuer würde uns den Kredit gerne geben, sitzt aber vor den blanken Zahlen. Nur die zählen bei der Vergabe“, beklagt Kessler. Eine Einschätzung, die für viele der anwesenden Banken überraschend war. Letztlich aber musste manch Bankvertreter einräumen, dass die Banken bei der Betreuung nicht so nah am Kunden sind, wie sie es in der Werbung gerne erzählen.

Das Anspruch und Wirklichkeit auseinander fallen, kennt auch Ingrid Kessler: „Die Banken rennen uns das Haus ein, was sie alles können und dann verabschieden sie sich wieder“. Ansprechpartner seien auf einmal nicht mehr zu erreichen. „Nachdem die Konten eröffnet waren, kümmerte sich keiner mehr um den Rest“. Sie hat daraus die Konsequenzen gezogen. Von den fünf Banken, zu denen das Unternehmen einmal Geschäftsbeziehungen unterhielt, sind nur noch drei übrig geblieben. „Letztlich bleibt man bei der Bank hängen, die sich um einen kümmert. Dafür zahlt man vielleicht sogar ein bisschen mehr“, lautet ihr Resümee. Eine Hausbank entwickle sich dann automatisch durch die gute Kommunikation über Jahre hinweg.

Vergessen Sie die Hausbanken

„Vergessen Sie die Hausbanken. Die Bankenlandschaft, von der viele Mittelständler noch schwärmerisch träumen, ist vorbei“. Mit dieser These provozierte Michael Reuss von der Münchener Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. Die Fluktuation bei den Angestellten sei viel zu hoch, als dass sich noch jemand intensiv um seine Firmenkunden kümmern würde. Außerdem seien die Banken heute so durchorganisiert, dass es sich ein Mittelständler gar nicht leisten könne, nur auf eine Bank zu vertrauen, so seine These. Gerade bei den großen Geschäftsbanken bestehe das Risiko, dass Kredite abgelehnt werden, weil sie nicht in das Risikoschema der Bank passen. Hat das Haus bereits viele Kredite an Autohäuser ausgegeben, scheiden diese für eine gewisse Zeit aus, um kein Klumpenrisiko aufkommen zu lassen. „Verlassen Sie sich nicht auf ein einzelnes Institut“, rät er den Unternehmern. Vielmehr sei es geboten, mit drei bis vier Banken zusammenzuarbeiten.

Während die Mittelständler dem zustimmten, kam erwartungsgemäß Widerspruch von den Banken. Es sei nicht sinnvoll, die eine Bank gegen die andere auszuspielen, warnte Deutsch-Banker Dr. Robin Bartels. „Der ständige Wechsel zur Bank mit den jeweils günstigsten Konditionen zahlt sich nicht aus. Viel wichtiger ist das Vertrauen zwischen Bank und Kunde“, pflichtete HVB-Kollege Dr. Gösta Jamin bei. Eine Bank sei viel eher bereit, auch in schwierigen Zeiten mit dem Unternehmen weiterzumachen, wenn das Geschäft nicht nur aus dem Kredit bestehe, sondern vielleicht auch die private Anlageberatung umfasse. Das ermögliche es dem Betreuer bei einem einzelnen Produkt mal etwas flexibler bei den Konditionen oder dem Risiko zu sein. Was niemand von Bankenseite sagte: In diesem Bereich können die Banken deutlich mehr Geld verdienen. Sparkassen- Vorstand Dr. Eschle wurde noch deutlicher: „Wir werden es nicht akzeptieren, dass nur das Risiko bei uns bleibt und das Provisionsgeschäft bei anderen Banken stattfindet“. Viel Hoffnung, gehört zu werden, sollten sich die Banken nicht machen. Bei den Unternehmern ist die Zusammenarbeit mit verschiedenen Banken schon Realität.

Einsicht auf Bankenseite

Hypovereinsbank-Banker Dr. Jamin sah dagegen durchaus bei vielen Unternehmern das Bedürfnis nach einer Hausbank. Allerdings musste auch er einräumen, dass in Zukunft die Ansprechpartner bei den Banken mehr Einfluss und Entscheidungskompetenz besitzen müssen, um den Anforderungen der mittelständischen Kunden gerecht zu werden. „Wir müssen mehr Transparenz schaffen“, so Dr. Jamin. Das könne damit beginnen, dass der Bankberater bei der KfW die realistische Bearbeitungsdauer abfragt und dem Unternehmer über den Stand des Antrags auf dem Laufenden hält.
Die genossenschaftlichen Institute und die Sparkassen sahen hier einen Vorteil für sich. Durch die dezentrale Struktur hätten die Unternehmer viel eher einen Banker mit der entsprechenden Entscheidungskompetenz vor sich. „Wir sind die Zentrale, die entscheidet“, betonte Fröchtenicht. Doch auch in den privaten Geschäftsbanken bewegt sich etwas. Zwar sind diese von Ansprechpartnern mit Entscheidungskompetenz noch weit entfernt, doch in Teilbereichen wird bereits reagiert. „Wir haben vereinfachte Kreditentscheidungskompetenzen eingeführt“, berichtete Dr. Jamin. Allerdings gelten diese nur für kleine Unternehmen und für Kredite um die 100.000 Euro. Vielen Unternehmen reicht das zwar nicht aus, um ihre Kreditprobleme zu lösen, aber es ist ein Anfang.

In der Printausgabe des B4B Mittelstand wird behauptet, der „Deutsche Industrie und Handelskammertag ist sich sicher, dass die Firmen kaum noch Kredite von den Banken bekommen“. Der DIHK hat uns gebeten, diese Aussage richtigzustellen bzw. in den Gesamtzusammenhang der neuesten Studie zu den Kreditkonditionen einzuordnen.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) legt Wert auf die Feststellung, dass die Sonderauswertung zu den Kreditkonditionen, die der DIHK im Rahmen seiner Konjunkturumfrage Frühsommer 2009 durchgeführt hat, zeigt, dass keine flächendeckende Kreditklemme bei den Unternehmen in Deutschland existiert. Davon, dass Unternehmen kaum noch Kredite bekommen, könne demnach keine Rede sein.

Allerdings spreize sich die Kreditversorgung zunehmend auf: „Es gibt mehr Unternehmen, die Kredite zu verbesserten Konditionen beziehen – allerdings wächst auch die Zahl derer, die massive Probleme haben“, sagt DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann. Die Liquiditätsengpässe gefährdeten zunehmend die Existenz von Betrieben, aber auch die Vorfinanzierung inzwischen wieder vermehrt eingehender Aufträge. „Das gefährdet einen möglichen Aufschwung", warnte der DIHK-Präsident, und er verwies darauf, dass die Risiken in der Realwirtschaft durch die gängigen Rating-Methoden derzeit überschätzt würden. „Ich werbe sehr dafür, dass im Alltag der Kreditvergabe an diesem Punkt pragmatischer entschieden wird“, so Driftmann.

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